Schiffbau
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Lukrative Nischen besetzt

Ein Beitrag aus dem MarineForum 16-07-08

Nach jahrelangen Negativmeldungen über den angeblichen Niedergang des deutschen Schiffbaus, der mancherorts auch tatsächlich nachzuvollziehen war, scheinen die verbliebenen Werften nach durchgreifenden Umstrukturierungen wieder Fuß gefasst zu haben. Das ging jedenfalls aus den Ausführungen des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) im Laufe seiner Jahrespressekonferenz in Hamburg deutlich hervor. „Wir können mit gewisser Beruhigung auf den globalen Kollaps im Schiffbau blicken“, erklärte VSM-Präsident Harald Fassmer dann auch einigermaßen zufrieden dazu.


Grund für seine demonstrative Zuversicht ist, dass in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres bei den deutschen Werften Neubauaufträge über neun Schiffe im Wert von 1,3 Mrd. Euro eingegangen sind. Darin sind die erst kurz zuvor eingegangenen Bestellungen des malaysischen Genting-Konzerns über insgesamt zehn Schiffe noch nicht enthalten, da dieser Auftrag mit einem Volumen von 3,5 Mrd. Euro erst im Mai unterzeichnet wurde. Ebenso nicht enthalten ist der Auftragssegen über vier Ro/ Ro-Schiffe bei der Flensburger Schiffbaugesellschaft. Und sogar die kleine Hamburger Traditionswerft Theodor Buschmann konnte mit einem Millionen-Auftrag für die Teilefertigung von zwei Schleppern als Zulieferung für eine niederländische Werft punkten.

 

Global gesehen stellt sich die Situation für den Schiffbau jedoch eher düster dar, vor allem für die drei Großen: China, Korea und Japan. Es sieht so aus, als hätten die europäischen Werften deren seit Jahren anhaltende Dominanz gebrochen, weil sie sich zwangsläufig vom Massenschiffbau – Containerschiffe, Bulker und Tanker – getrennt und lukrative Nischen besetzt haben. In den ersten drei Monaten des Jahres haben die europäischen Werften mehr Aufträge für sich verbuchen können als ihre asiatischen Konkurrenten. Bei dem sehr niedrigen weltweiten Bestellvolumen von 6,5 Mrd. USD konnten Europas Schiffbauer nach VSM-Angaben 3,7 Mrd. USD auf sich ziehen. Damit lag ihr Marktanteil erstmals seit langen wieder über 50 Prozent.
Weiter ist festzuhalten, dass die asiatischen Werften immens hoch verschuldet sind. Das gilt besonders für Südkorea, dessen Werften einen Schuldenberg in Höhe von 66 Mrd. USD angehäuft haben. Das entspricht immerhin einem Viertel des Staatshaushaltes. Nur neun Neubauaufträge sind bei den Werften, von denen manche das Ausmaß ganzer Städte haben, gelandet. Tausende von Arbeitsplätzen stehen auf dem Spiel. Ähnlich sieht es in China aus und auch in Japan. Etwas Sorge bereitet dem VSM, dass China in seinem Fünfjahresplan ausdrücklich den Bau von Kreuzfahrtschiffen für den eigenen Markt festgeschrieben hat und damit langfristig in Konkurrenz zu den auf diesem Gebiet führenden deutschen bzw. europäischen Werften treten könne. Die Chinesen würden das zunächst zwar nicht besser können und auch sicher etliches Lehrgeld bezahlen. Dazu würden sie aber bereit sein, wie andere Beispiele zeigen.
Wie es laufen kann, zeigt das Beispiel des japanischen Mitsubishi- Konzerns, der mit einem Niedrigstangebot für den Bau von zwei AIDA-Kreuzfahrtschiffen in den Markt drängen wollte. Ergebnis ist ein Verlust für das Unternehmen in Höhe von rund zwei Mio. USD.

Doch zurück zu den deutschen Werften. Sie wurden im Jahr 2015 mit insgesamt zwölf Neubauten beauftragt – die Hälfte davon allein im letzten Quartal – im Wert von ca. 4,9 Mrd. Euro. Die Auftragseingänge erhöhten sich dabei im Vergleich mit dem Vorjahr recht deutlich auf 750.000 CGT, was hauptsächlich wohl auf Neubauaufträge für die Meyer Werft zurückzuführen ist. Die Anzahl der Ablieferungen fiel mit 16 Schiffen niedriger aus als im Jahr 2014. Auch die Tonnage lag mit 435.000 CGT unter der des Vorjahres. Der Wert der Ablieferungen betrug 2015 insgesamt etwa 2,3 Mrd. Euro und fiel damit ebenfalls etwas geringer aus als der des Vorjahres. Ende Dezember befanden sich 43 Schiffe im Wert von etwa 13 Mrd. Euro im Auftragsbestand deutscher Werften. Das ist der höchste Auftragsbestand seit 2009. Die Tonnage fiel mit 2,0 Mio. CGT höher aus als 2014. Zusätzlich lagen zwei weitere Aufträge für den Bau von Anlagen und Plattformen für die Offshore-Windindustrie vor, die den gesamten Auftragsbestand der Werften auf einen Wert von rund 13,4 Mrd. Euro erhöhten. Alles in allem also keine schlechte Bilanz.

Sehr intensiv beschäftigte sich der VSM im Laufe seiner Pressekonferenz auch mit der Situation des Marineschiffbaus und ließ dabei erkennen, dass es seiner Ansicht nach nicht ausbleiben könne, die Flotte dem deutlich gewachsenen Aufgabenspektrum und der Ausdehnung der Einsatzgebiete anzupassen. Was heiße, sie nicht noch weiter schrumpfen zu lassen, sondern wieder zu verstärken. Allein die veränderte Sicherheitslage in der Ostsee würde das erfordern. Ziel also wieder der Bau kleineren Einheiten, zugeschnitten auf dieses Gebiet. Auch ein Joint Support Ship werde trotz der Zusammenarbeit mit den Niederländern nötig werden. Das seien allerdings nur Gedankenspiele der beteiligten Industrie. Explizit beklagt wurde noch einmal die europaweite Ausschreibung des derzeit bedeutendsten Beschaffungsprojektes der Marine, dem Bau des MKS 180. Es könnte oder sollte wesentlich für den Erhalt der Systemkompetenz im Bereich Marine-Überwasserschiffbau in Deutschland beitragen. Nur eine nationale Vergabe würde diese strategischen Fähigkeiten sichern. Leider habe sich das Verteidigungsministerium ohne Widerspruch der Bundesregierung anders entschieden. Und das, obwohl Artikel 346 des Vertrages über die Arbeitsweise der EU ausdrücklich vorsieht, dass „ …. jeder Mitgliedstaat … die Maßnahmen ergreifen (kann), die seines Erachtens für die Wahrung seiner wesentlichen Sicherheitsinteressen erforderlich sind, soweit sie die Erzeugung von Waffen, Munition und Kriegsmaterial (…) betreffen“.

 

Zum Download des Beitrags aus dem pdfMarineForum.

 

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